Stimmen aus Velika Kladuša – Nahid

Im Herbst 2021 durften wir mit zwei Menschen, Nahid und Zagros, die sich zu dem Zeitpunkt in Velika Kladuša (BiH) befunden haben, sprechen. In unserer kleinen Interviewreihe möchten sie und wir ihren Stimmen Gehör verschaffen und die Stimmen und Forderungen der Menschen laut machen.

Lest hier das komplette Gespräch mit Nahid (Übersetzung weiter unten). Nahid ist eine 16-jährige Aktivistin aus Afghanistan, die bereits in Griechenland bei Protesten für die Rechte von People on the Move (PoM) laut war und auch in Bosnien gemeinsam mit weiteren PoM einen Protest im September organisierte. Sie ist mittlerweile in Deutschland angekommen.

Nahid, 16-jährige Aktivistin aus Afghanistan

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How is the situation in Velika Kladusa?

„Unfortuntely most of the people like me, they are stuck in Bosnia. In here we are all trying a lot to reach croatia or somewhere else, but unfortunately everytime we are pushed back. The condition up here is too hard to live here. We are here in tents and the weather is getting cold, so the situation is getting more hard for us. […] If we stay here it´s also very hard, because we don´t have lots of possibilities in here.”

You don´t get support of local organizations or the government?

„No, we don´t get support from any of them. Just sometimes they bring people to the camps, but even in the camp we don´t have lots of possiblities. They don´t help people as much as they need.“

Pushbacks – What happens there?

“They (croatian police) shows lots of bad behaviour. Most of the time they beat young boys, especially the men without any reason. Most of the time that we go there, they don’t call anyone, they just call the deportation carran. They take all our stuff, sometimes they burn all the backpacks or even sometimes they take our jackets. Especially for the single men, they take their shoes, jackets and they send them back. They beat them a lot. When they beat them, they hurt them a lot, so it´s too hard. They always deport us to a really far place and it takes a long time for us to come back. Sometimes they deport us to a place which is 30 km far and we have to walk all the way to be back.”

Protest in September 2021

„Most of the people think that we are in the camps, with possibilities, in a container, a warm place. They don´t know that we are in the tents with hard conditions. […] When we got close to the border, we were stopped by the police of bosnia, they told us: You can not be here, it´s a shame for our country to see all of you at the border. […] We were there, because we were tired, we don´t want to be here. We said: We will stay here. Then they said: If you don´t go we will call more police. We will push you back to somewhere else. The police said: We are good, but we can be bad with you too. Actually I talked with them, because I was the only one who could talk with them. I said: This was a peaceful protest, we don´t have any problem with you or with any other. We don´t want to fight with you and didn´t come here to have argument  with you or any other people. […] We are doing this protest, because we want Europe or EU to do something for us.”

In der Nähe eines Squats in Velika Kladuša, aufgenommen im September 2021

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What can/must people in Europe do?

„They see everything, but unfortunately most of them close their eyes, so the only thing that we want from them, is to help us to be out of this condition. We are so tired of being at the borders, spend your days in the jungle. Everytime you try to go somewhere you get pushed back in a really bad way and you see lots of bad behaviours. We just want them to help us, to share our stories. We want people to see, to hear our voices, what are our problems, what are our needs. The things that people need, is to be out of this condition.”

Our life became kind of a game, we are not living, because everytime in every country we go, we would like to stay there but unfortunately with the problems that the asylum systems do. People have to come by this way. For example me: I was in greece for 2,5 years but in this time they didn´t take any interview from me, they want me to live all my life in the camps, without any school, being far from society. It was so hard for me to live in that conditions, that´s why again, I had to choose another hard way. And it´s the same as other people. Most of them got rejected. So it´s hard for them to be back in Afghanistan. They can not be back there. So they choose this hard way, to go somewhere where they get accepted.”

Why do people call the path over the borders, „the game“?

 „Because, no one cares. In each country, they say hundreds of refugees came to my country, but they never ask, how did they come, or from which way they came. Even now, they don´t know from which jungles we are passing, from which river we go, from which mountain we walk. That´s why our life became kind of a game. […] People call it the game, because when they go a lot and when they see that no one cares a lot, so they say: Who cares about my life?“

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Deutsche Übersetzung des Gesprächs

Wie ist die Situation in Velika Kladusa?

“Leider sitzen die meisten Menschen, so wie ich, in Bosnien fest. Hier versuchen wir alle sehr, nach Kroatien oder woanders hinzukommen, aber leider werden wir immer wieder zurückgedrängt. Die Bedingungen hier oben sind zu hart, um hier zu leben. Wir sind hier in Zelten untergebracht und das Wetter wird immer kälter, so dass die Situation für uns immer schwieriger wird. […] Wenn wir hier bleiben, ist es auch sehr schwer, weil wir hier nicht viele Möglichkeiten haben.”

Bekommt ihr denn keine Unterstützung von lokalen Organisationen oder der Regierung?

“Nein, wir bekommen von keiner dieser Organisationen Unterstützung. Nur manchmal bringen sie Leute in die Lager, aber selbst im Lager haben wir nicht viele Möglichkeiten. Sie helfen den Menschen nicht so viel, wie sie bräuchten.”

Pushbacks – Was passiert dabei?

“Sie (die kroatische Polizei) zeigt viel schlechtes Verhalten. Meistens schlagen sie die Jungen, vor allem die Männer, ohne jeden Grund. Wenn wir dorthin gehen, rufen sie meistens niemanden an, sondern nur den Abschiebe-Carran. Sie nehmen uns alle unsere Sachen weg, manchmal verbrennen sie alle Rucksäcke, manchmal nehmen sie sogar unsere Jacken. Besonders den alleinstehenden Männern nehmen sie die Schuhe und Jacken weg und schicken sie zurück. Sie schlagen sie sehr oft. Wenn sie sie schlagen, tun sie ihnen sehr weh, also ist es zu hart. Sie deportieren uns immer an einen sehr weit entfernten Ort, und es dauert lange, bis wir zurückkommen. Manchmal schieben sie uns an einen Ort ab, der 30 km weit weg ist, und wir müssen den ganzen Weg laufen, bis wir zurück sind.”

Protest im September 2021

“Die meisten Leute denken, dass wir in den Lagern sind, mit Möglichkeiten, in einem Container, an einem warmen Ort. Sie wissen nicht, dass wir in den Zelten unter harten Bedingungen leben. […] Als wir uns der Grenze näherten, wurden wir von der bosnischen Polizei angehalten, sie sagten uns: Ihr dürft nicht hier sein, es ist eine Schande für unser Land, euch alle an der Grenze zu sehen. […] Wir waren dort, weil wir müde waren, wir wollten nicht hier sein. Wir haben gesagt: Wir werden hier bleiben. Dann sagten sie: Wenn ihr nicht geht, werden wir mehr Polizei rufen. Wir werden euch zurückdrängen, woanders hin. Die Polizei sagte: Wir sind gut, aber wir können auch schlecht zu euch sein. Ich habe dann mit ihnen geredet, weil ich die Einzige war, die mit ihnen reden konnte. Ich sagte: Dies war ein friedlicher Protest, wir haben weder mit euch noch mit anderen ein Problem. Wir wollen nicht mit euch streiten und sind nicht hierher gekommen, um mit euch oder anderen Leuten zu streiten. […] Wir machen diesen Protest, weil wir wollen, dass Europa oder die EU etwas für uns tut.”

Was können/müssen die Menschen in Europa tun?

“Sie sehen alles, aber leider verschließen die meisten von ihnen ihre Augen. Das Einzige, was wir von ihnen wollen, ist, dass sie uns helfen, aus diesem Zustand herauszukommen. Wir haben es so satt, an den Grenzen zu stehen und unsere Tage im Dschungel zu verbringen. Jedes Mal, wenn man versucht, irgendwohin zu gehen, wird man auf schlimme Weise zurückgedrängt, und man sieht viele schlechte Verhaltensweisen. Wir wollen nur, dass sie uns helfen und unsere Geschichten erzählen. Wir wollen, dass die Menschen unsere Stimmen sehen und hören, was unsere Probleme und Bedürfnisse sind. Was die Menschen brauchen, ist, aus diesem Zustand herauszukommen.
Unser Leben ist zu einer Art Spiel geworden, wir leben nicht, denn jedes Mal, wenn wir in ein Land kommen, würden wir gerne dort bleiben, aber leider gibt es Probleme mit dem Asylsystem. Die Menschen müssen auf diesem Weg kommen. Ich zum Beispiel: Ich war 2,5 Jahre in Griechenland, aber in dieser Zeit haben sie kein einziges Interview von mir angenommen, sie wollten, dass ich mein ganzes Leben in Lagern lebe, ohne Schule, weit weg von der Gesellschaft. Es war so schwer für mich, unter diesen Bedingungen zu leben, deshalb musste ich wieder einen anderen harten Weg wählen. Und es ist das Gleiche wie bei anderen Menschen. Die meisten von ihnen wurden abgelehnt. Es ist also schwer für sie, nach Afghanistan zurückzukehren. Sie können nicht dorthin zurück. Also wählen sie diesen harten Weg, um irgendwohin zu gehen, wo sie akzeptiert werden.”

Warum nennen die Menschen den Weg über die Grenzen “the Game”?

“Weil es niemanden interessiert. In jedem Land sagen sie, dass Hunderte von Flüchtlingen in mein Land gekommen sind, aber sie fragen nie, wie sie gekommen sind, oder von welchem Weg sie gekommen sind. Selbst jetzt wissen sie nicht, aus welchem Dschungel wir kommen, aus welchem Fluss wir kommen, aus welchem Berg wir gehen. Deshalb ist unser Leben zu einer Art Spiel geworden. […] Die Menschen nennen es Spiel, denn wenn sie viel unterwegs sind und sehen, dass sich niemand um sie kümmert, dann sagen sie: Wer kümmert sich um mein Leben?”

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